Der Insider
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6.3.2010


Alternativkonzept zur geplanten Blue Card-Regulierung

Situation
Die Golfe und Buchten zwischen Bodrum und Göcek-Fethiye sind in den letzten Jahren durch zunehmende Verschmutzung ins Blickfeld der verantwortlichen Behörden in Mugla und Ankara geraten. Ursache für die Verschmutzung sind vor allem die von Gulets, Tagesausflugsbooten, Fischern sowie Motor- und Segel-Yachten ins Meer entsorgten Grauwasser (nicht abbaubare Seifen-, Dusch-, Haarwasch- und Spülmittel-Rückstände).

Diese können aufgrund ihrer chemischen Zusätze im Meerwasser nicht abgebaut werden. Bisher gibt es zwar strenge Richtlinien für das Sammeln von Fäkalien in Fäkalientanks und deren Verklappung außerhalb der Buchten und Golfe auf "hoher See" – mindestens drei Meilen vor der Küste. Grauwasser werden dagegen ohne allzu strenge Richtlinien – wenn vorhanden über Tanks – oder direkt ins Meer entsorgt. Die Blue Card soll das Problem lösen

Ab 1. März 2010 sollte eine neue Blue Card-Regulierung in Kraft gesetzt werden. Diese bestimmt, dass alle Boote und Schiffe im Pilotgebiet zwischen Bodrum und Göcek-Fethiye verpflichtet sind:

- Grau- und Schwarzwassertanks mitzuführen
- diese in (den bisher nur begrenzt verfügbaren) Absaugstationen in Häfen- und Marinas absaugen zu lassen
- und die erfolgte Absaugung auf der bootseigenen Blue Card bestätigen zu lassen.

Kontrollboote der Küstenwache und der Hafenbehörden sollen die Absaugvorgänge anhand der Blue Card überprüfen und bei Verstoß (nicht rechtzeitig erfolgte Absaugung) empfindliche Geldbußen verhängen. Widerstände und Proteste der Wassersportverbände, Yachtzeitschriften, Bootseigner sowie Charteragenturen aus allen Regionen der Welt haben in den letzten Wochen beim Tourismus-Ministerium in Ankara, beim Governeur in Mugla, bei der Umweltorganisation Turmepa und bei der Seehandelskammer gegen die Adhoc-Einführung der Blue Card-Regulierung protestiert, weil

- Tanks in so kurzer Zeit nicht eingebaut werden können
- der Einbau wegen Platzmangel auf Yachten und Booten unter 15 Metern nicht möglich ist - die Absaugstationen in den Häfen und Marinas nur zum Teil fertig sind und auch nicht ausreichen - das Absaugen (wie das vergleichbare Vorgehen der Behörden an der deutschen Ostseeküste zeigt), nicht funktioniert, da die Schiffe/Boote nach spätestens zwei Tagen wieder einen Hafen anlaufen müssten, was der Grundidee einer Blauen Reise durch die vielfältige Buchtenwelt der türkischen Küste widerspricht.

Außerdem: Das Gedränge vor den Absaugstationen in den Häfen wird konfliktvolle Dichte annehmen. Mit 20, 30, 40 und mehr vor den Stationen wartenden Gulets, Motorbooten, Fischerbooten und Yachten muss gerechnet werden. Die Tagesausflugsboote kommen in Stoßzeiten des abendlichen Einlaufens und des morgendlichen Auslaufens noch dazu.

Chaos, Verärgerungen, Groll, Verbitterung und Zorn werden die Folge sein, Beschwerdebriefe wegen entgangener Urlaubsfreuden werden von Gulet- und Yachtcharterern eintreffen. Der Imageschaden für das schönste Tourismusgebiet des Mittelmeeres wird immens sein. Die Medien werden das Thema aufbauschen und (teilw. überzeichnet) publizieren.

Dass es an der Zeit ist, wirkungsvolle Maßnahmen gegen die fortschreitende Buchtenverschmutzung zu ergreifen, ist allen Beteiligten klar. Am Beispiel der Inhaltsstoffe eines Duschgels (wie es heute an Bord der Gulets und Yachten täglich verwendet wird), soll verdeutlicht werden wie wichtig es ist mit aller Entschlossenheit das Thema anzupakken.

Ein handelsübliches Duschgel besteht aus: Sodium Laureth Sulfate, Sodium Myreth Sulfate, Cocamidopropyl Betaine, PEG-6 Caprylic/Capric Glycerides, PEG-200 Hydrogenated Glyceryl Palmate, Sodium Chloride, Methylparaben, Glycol Distearate, PEG-7 Glyceryl Cocoate, Sodium Citrate, Polyquaternium-22, Hydroxypropyl GuarHydroxypropyltrimonium Chloride, Laureth-4. Ein Großteil dieser Beimischungen sind umweltuntaugliche und von Salzwasser nicht abbaubare Meereskiller.

Fazit
Der bestehende Ansatz, das Problem über zusätzliche Tanks auf allen Schiffen, Absaugstationen an Land und restriktiven Kontrollmaßnahmen mit der Blue Card zu lösen, erscheint Fachleuten aus der Branche – auch bei längerer Vorbereitungszeit – nicht realisierbar. Der hier vorgestellte alternative Ansatz dagegen geht davon aus, dass
nicht das im Fokus stehen darf, was aus den Tanks heraus kommt, sondern das, was in die Tanks hinein geht.


Ocean Clean – der alternative Konzeptansatz

Auf der BOOT in Düsseldorf wurden im Januar 2010 mit bedeutenden Firmen, die sich mit Wasseraufbereitung und Wasserentsorgung beschäftigen*), Gespräche zum Thema "Meeresverschmutzung" geführt. Alle Gesprächspartner (sowohl Chemiker als auch Marketingspezialisten) haben das Problem sofort erkannt und den Markt, der sich für neue Produktserien unter dem Arbeitstitel "Ocean Clean" ergibt, ins Visier genommen. Alle, mit denen gesprochen wurde, wollen unmittelbar mit der Entwicklung entsprechender Produkte beginnen und diese nicht nur in kleinen Packungseinheiten, sondern auch in Großgebinden für Gulets und große Yachten und Schiffe auf den Markt bringen. Vertriebspartner in der Türkei sollen gesucht werden.

*) Katadyn, Captainreents, Epifanes, Koesling, Dr. Keddo und anderen

Statt herkömmlicher Seifen, Duschgels, Schampoos und Geschirrspülmittel können – so die Aussagen dieser Firmen – neue Produkte entwickelt werden, die zu 99,9% umweltfreundliche und das Meer nicht belastende Stoffe enthalten. Der Arbeitstitel "Ocean Clean" wurde dafür gefunden.

Die Realisierung ist weniger problematisch als das Blue Card-System. Die drei wichtigsten Konzeptbausteine sind

Baustein 1: Die Weiterentwicklung des Blue-Card-Konzeptes
Baustein 2: Die Verfügbarkeit der neuen meerestauglichen Produkte
Baustein 3: Das Bewusstsein aller Beteiligten
Baustein 4: Die Kontrolle

Zu Baustein 1: Blue-Card als Dachgedanke
Die neuen meerestauglichen Produkte haben ihren konzeptionellen Ansatz im Blue-Card-System. Blue-Card ist der übergeordnete Dachbegriff, aus dem sich die Idee, “Sauberes in den Tank” abgeleitet ist. Der Kern des Blue-Card-Konzeptes wird weiter entwickelt. Statt des komplizerten Absaugen der Tanks in den Häfen, werden an Bord der Schiffe nur noch Produkte verwendet, die das Wasser in den Buchten und Golfen nicht mehr verschmutzen. Die bestehenden Absaugstationen sind deshalb aber nicht überflüssig, sondern können den Tagesausflugsbooten und Gulets zum Absaugen der Fäkalientanks angeboten werden. Im Zentrum des hier vorgestellten Konzeptansatzes steht die Entwicklung meeerestauglicher Wasch-, Spül-, und Reinigungsmittel, die 100% abbaubarer sind. Das Marktpotential ist riesig.

Zu Baustein 2: Verfügbarkeit
Um die engagierten Herstellerfirmen von der Dringlichkeit der Produktentwicklung und Marktdurchsetzung zu überzeugen, werden sie von den zuständigen Behörden und Organisatoren zu einer Konferenz nach Marmaris oder Göcek eingeladen. Während einer Exkursion auf einer Gulet durch die Buchten werden sie informiert, Problem bewusst gemacht und motiviert. Je früher dieses Treffen stattfindet, desto schneller kann mit Ergebnissen gerechnet werden. Bei dieser Exkursion sollten auch potentielle türkische Vertriebspartner dabei sein, damit Kontakte zwischen Herstellern und Vertreibern geknüpft werden können.

Zu Baustein 3: Bewusstsein
Alle Marinas an der Küste und rund um die Häfen ansässigen Ausrüster müssen gewonnen werden, sich für die Idee zu engagieren und die neuen Produkte in ihre Sortimente auf zunehmen.

Gleichzeitig müssen alle Gulet- und Yachtcharter-Agenturen und Basisstationen motiviert werden, ihre Kunden über das Blue-Card-System mit “Ocean Clean” zu informieren und das Mitbringen und die Verwendung alt hergebrachter Seifen, Schampoos, Duschgels und Spülmittel zu untersagen (siehe Baustein 4). Hilfreich sind wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse, die aussagen, dass das Verwenden dieser Produkte nicht nur die Buchten und Golfe zerstört, sondern darüber hinaus Allergien und Hautunverträglich-keiten zur Folge hat.

Die nationalen und internationalen Wassersportzeitschriften und Magazine müssen überzeugt und motiviert werden. Als wichtige Meinungsbildner tragen sie das Thema in die Breite. Bilder und Hintergrundmaterial muss für die Berichterstattung zur Verfügung gestellt werden. Journalisten sollten zu kostenlosen Fahrten auf Gulets und Yachten eingeladen werden, verbunden mit dem Appell “Ocean Clean” zu thematisieren und über die Fortschritte zu berichten.

Weitere Maßnahmen sind zu finden und durchzusetzen. Ein Büro für Public Relations sollte alle Blue-Card-Maßnahmen in der Öffentlichkeit koordinieren. Die Türkei wird mit diesen Aktivitäten zum Vorreiter für umweltbewussten Umgang mit den bestehenden Meeresressourcen – mit positiven Auswirkungen auf das Image als beispielhaftes Urlaubsland. Das Problem durch Abwässer verschmutzer Wassersportreviere gibt es nicht nur in der Ägäis, sondern in allen Revieren der Welt.

Zu Baustein 4: Kontrolle
Die Maßnahmen können allerdings nur dann greifen, wenn strenge Kontrollen die Einführung flankieren. Die Mannschaften auf den Schiffen, die Kapitäne und Skipper sowie deren Gäste, werden nur dann den Appellen folgen, wenn – wie beim Rauchverbot – immer wieder Stichprobenkontrollen durchgeführt und bei Nichtbefolgung empfindliche Strafen verhängt werden. Hier müssen die Behörden an die Vernunft einerseits appellieren, und andererseits bei denjenigen, die den Vorschriften nicht folgen, mit hohen Geldbußen restriktiv durchgreifen.



Zur Durchsetzung muss eine "Ocean Clean-Polizei" etabliert werden, die jederzeit überall unerwartet an Bord der Schiffe und Boote kommt, und in der Pantry und in den Kabinen/Toilettenräumen nach herkömmlichen Spülmitteln, Seifen, Schampoos und Duschgels sucht. Wird ein Stück, eine Flasche, eine Tube gefunden, zahlt der Kapitän eine schmerzhafte Strafe. Er ist dafür verantwortlich, dass keine traditionellen Wasch- und Duschmittel etc. an Bord verwendet werden. Durch unermüdliche Stichprobenkontrollen wird sichergestellt, dass die "Ocean Clean"-Maßnahmen greifen, und die Buchten und Golfe wieder sauber werden und in Zukunft bleiben. Als Vorbild kann die Durchsetzung des Rauchverbots hier in der Türkei durch strenge Kontrollen in öffentlichen Gebäuden und Büros dienen.

Augsburg, Februar 2010
Udo Hinnerkopf

Dieses Konzept in englischer, türkischer und deutscher Übersetzung als PDF


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