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Der Insider
- Wandern auf dem Carian Trail: Von Domuzçukuru nach Hayitbükü
von Udo Hinnerkopf

17.05.2014


Dies ist die 1. Teilstrecke einer Route, die von der Bucht Domuzçukuru an der Südküste der Datça-Halbinsel in westliche Richtung nahezu immer an der Küste entlang zum geschützten Hafen von Palamut führt. Die Route wird im Carian Trail-Buch als "tough walk with rewarding coastal views" anmoderiert. Er sei 17,5 km lang und angeblich in 7,5 Stunden zu bewältigen. Wir sind vorsichtig und unterteilen die lange Strecke in zwei Teile, und beginnen in der Wildschweinbucht an einem kühlen Maimorgen.


Am Tag davor hatten wir Marnic aus Brüssel kennengelernt. Mit seinem Garmin GPS suchte er den Einstieg in den Trail im Bachbett östlich von Hayitbükü. Gemeinsam fanden wir schließlich den versteckten Zugang, kamen ins Gespräch, und verabredeten für den nächsten Tag den Trailabschnitt gemeinsam zu machen: mit einem Boot wollten wir uns von Hayitbükü nach Domuzçukuru bringen lassen und dann per pedes über die sieben Berge laufen.

Harry und ich hatten uns für zwei Tage bei Süleyman und Mahmut im Ortam Restaurant in Hayitbükü einquartiert. Ihre Pension ist die schönste, die ich bisher an der türkischen Küste gesehen habe: direkt am Strand ein sauber eingerichtetes Steinhaus-Apartment. Sehr zu empfehlen, wenn man hier mit dem Auto oder zu Fuß unterwegs ist. Ist man mit dem eigenen Boot, einer Gulet oder einer Charteryacht hier, lässt man sich vom Skipper in die erste Bucht nach dem Kap Ince Burun bringen und startet von dort (= Domuzçukuru) die Wanderung, während Gulet oder Yacht nach Hayitbükü zürücksegeln und dort auf die Wanderer warten.

Süleyman bringt uns – Harry, Marinic und mich – mit dem Boot eines Freundes in einer knappen 3/4 Stunde zum wildschweinigen Startstrand. Unterwegs zeigt er uns die seltsame Kalkstein-Tropfwand direkt am Ufer, die sie hier Pamukkale nennen und die nicht weit davon entfernt liegende Felsenhöhle mit Zugang vom Meer.

Anlanden in der Wildschwein-Bucht ist etwas schwierig, da die verrostete Steganlage keine Bohlen hat. Aber es geht. Am Ufer erwartet uns Mustafa, ein bärtiger Istanbuler, der schon 3 Jahre hier wohnt. Die Behörden haben ihm seine kleine Taverne geschlossen – ohne Begründung. Er schimpft auf die Regierung und den Gouverneur von Mugla, fuchtelt mit den Händen und fragt, ob wir wirklich genügend Wasser dabei haben für den Trail. Vielsagend grinsend wünscht er uns alles Gute und schlendert davon. Na dann.

Bis Hayitbükü sind es laut Buch "nur" 8,7 km, aber die Strecke soll es in sich haben. Man passiert das Death Valley, in dem es nichts gebe außer hohen Bergen und einem anstrengenden, sehr anstrengenden Aufstieg im Hinterland. Wir werden sehen.

Um 9:35 es geht los.


Zunächst den Strand entlang, dann durch loses Piniengehölz leicht einen Hang hinauf, immer den rot-weißen Farbmarkierungen nach, die mal auf Steinen, mal an Baumstämmen aufgemalt sind. Ein rotes X ist quasi ein Stopschild und bedeutet: hier nicht weiter gehen, das ist die falsche Richtung. Gleich nach der ersten Höhe belohnt uns ein herrlicher Blick auf die vor uns liegende Bucht mit türkisfarbenem Wasser. Unmittelbar vor uns entdecken wir tief aufgewühlte Kuhlen, "Von Wildschweinen", erklärt Harry, der mit Jägerfreund Stefan öfter die Wälder um Düsseldorf durchstreift, "die wühlen hier in der Nacht nach Wurzeln oder Morcheln".

Beim Abstieg durch schräg fallenden Gelände raschelt es plötzlich im Gebüsch. Nur ein paar Meter entfernt bricht ein Wildschwein auf und prescht mit erhobenem Schwanz – wie ein durchgehende Kuh – davon. Harry hat es gesehen, ich auch, Marnic nicht. Was machen wir, wenn so ein Rüpel auf uns zu rast, die Hauer gesenkt? Harry holt sein Ranchermesser aus dem Rucksack – wir lachen. Das wird vermutlich wenig helfen. "...die hauen meist ab", informiert uns Harry. "Aber wehe, wenn wir einer wildschweinigen Kinderstube zu nahe kommen." Wir hoffen auf eine ferkellose Route. Etwas später fragen wir uns, ob die extrem großen Scheißhaufen, die überall vor sich hinlümmeln, von den Wildschweinen stammen oder ob es hier vielleicht auch Elefanten gibt.

Die ersten drei Kilometer geht es mal Hügel auf, mal Hügel ab, immer mit einzigartigen Ausblicken auf die vorbeiziehenden Yachten und bis zum griechischen Thilos hinüber. Zwischen den Hügelpassagen liegen kleine Kieselstrände. Up and down beschreibt Dean Liveley in ihrem Buch diesen Abschnitt. Das geht ohne Anstrengung und ist im kühlen Morgenwind, der vom Meer herüber weht, ein wahrer Wandergenuss. Die locker stehenden Pinien auf den Hügeln bieten angenehmen Schatten. Wir laufen im Gänsemarsch, mal der eine vorne, mal der andere. Der Pfad ist schmal, von vertrockneten Gräsern gesäumt, an den Schuhen sammeln sich kleine stachlige Pillen, die picken. Lange Hose sollte sein. Marnic mit seiner kurzen Short ist eigentlich underdressed.


Weit voraus sehen wir die drei Kaps, die wir „umschiffen“ müssen. Dort hinter dem dritten Kap liegt unser Ziel Hayitbükü. Nach Zeitplan müssten wir das in zweieinhalb Stunden erreicht haben, denn anderthalb haben wir schon hinter uns. "Unmöglich!", bemerkt Marnic, der sehr gut deutsch versteht und spricht. Jetzt geht es erstmal steil bergab in eine Schlucht mit Wassertümpel hinunter.

Der Trial führt immer am Meer entlang, an Klippen vorbei mit herunter gestürzten rostroten Felsen und alten, morschen, vor vielen Jahren vom Sturmwind gefällten Bäumen, die schon wieder Erde werden. Das Gelände ist offen, wir haben Ausblicke fast bis hinter den Horizont, wo weiße Wolken wie Schneehauben auf den fernsten Inseln liegen.

Vor mir bahnt sich Harry mit seinem Skistock einen gerölligen Hang hinunter. Er stützt sich nach vorne ab und verhindert so das Rutschen und vielleicht auch das Fallen. Seinen zweiten Stock hat er mir gegeben. Ich hab zuerst gesagt, brauch ich nicht, find ich albern, so wie die Nordicwalker auf den Bürgersteigen in den Städten, nee. Jetzt beim Abstieg jedoch erweist sich der Stock als äußerst hilfreich. Gestern noch abgelehnt muss ich ehrlicherweise zugeben: hier auf dem Carian Trial sollte er zur Ausrüstung gehören.


Fünf nach 11 haben wir den bizarren, vom Meer ausgespülten Überhang hinter uns, da erwischt mich eine Welle. Gurgelnde kommt sie heran und umschäumt mich bis zu den Knien. Uff! Nach dem Fußbad geht es erstmal mit quatschenden Schuhen ein stückweit den nächsten Klippenhang hinauf und oben wieder über freies Gelände weiter. Thymian und Salbei säumen den Pfad, doch wir riechen nichts, der Wind trägt alle Gerüche davon. Draußen zieht ein Segler vorbei. Für einen kurzen Augenblick wünsche ich mir auf dem Boot zu sitzen und entspannt herüber zu schauen. "Dagegen der dort drüben", lacht Harry, "wünscht sich sein Ruder zu schultern, herüber zu kommen und mit uns zu tauschen, um den Blick aufs Meer zu genießen und im Schatten zu wandern."

Eben ging es etwas sanft zum Meer hinunter, jetzt geht es wieder leichtgängig über rotes Geröll bergan. Hinter uns bleibt eine schmale Schlucht mit einem Wasserrinnsal. Ich wade durch den Süßwassertümpel, um das Salz aus Schuhen und Hose zu spülen. Nach dem langen mit unglaublich viel angeschwemmten Bambusstangen gesäumtem Strand – hier muss irgendwo ein Bambusfrachter gestrandet sein – geht es über dichten Nadelboden einen Pinienhang hinauf. Dort oben, im Schatten der Bäume, machen wir eine Trinkpause und lassen uns Marnics Garmin GPS erklären.

Er hat sich die Route von der Webseite des Carian Trail (www.cariantrail.com) als interaktive ZeeMaps-Karte herunter geladen und kann nun unsere Position auf dem Pfad im kleinen Display genau verfolgen. Das gelbe Gerätchen soll nicht mehr als 130 Euro kosten und ist mit dem eingescannten Trail ein sicheres und damit wertvolles Ausrüstungsteil. Denn eines muss gesagt sein: die rot-weißen Markierungen sind nicht immer sofort zu finden; wir haben uns auf den Routen der beiden Tage zuvor schon mehrmals verlaufen und wären dankbar für den GPS-Pfadfinder gewesen.


Pause vorbei und schon geht es weiter. Gigantischer Ausblick auf unser letztes Kap, das hoch und unzugänglich vor uns liegt. Nach Marcins Garmin müssen wir ein Stück landeinwärts halten und noch mal richtig steil bergauf von der Küste weg in die Berge hinein steigen. Ich bin gespannt.

Wir befinden uns jetzt im Death Valley. Ringsum sind rötlich-braune steile Berge, weiter unten grün bewachsen, mit Schluchten und Senken. Alles sehr abweisend. Tröstlich: hinter uns ist das Meer, doch vor uns träut der Berg, den wir hinauf müssen. Die letzte Etappe – raus aus dem Tal des Todes. Uff-uff, der große Hang, der strengt an. Die Luft wird mir knapp, ich muss mich alle 30 Meter hinsetzen, Harry und Marnic wieseln voran. Wie machen die Mountainclimber das am Mount Everest?

Endlich auf dem 192 m hohen "Gipfel". Wir blicken schnaubend auf unser Ziel Hayitbükü hinunter. Wenn ich das hier mit dem Stromboli vergleiche, der ist um 700 m höher und wir sind damals in einem Rutsch hinauf – vor 25 Jahren! Ja, so ist das mit dem Älterwerden. Bald geht der Atem wieder ruhig, das Herz schlägt nicht mehr wild. Marnic und Harry, beide gute 20 Jahre jünger, tun so als sei das alles gar nichts. Wir reden über die Lust des Radfahrers am Steilhang. Marnic ist Mountainbiker und behauptet, je steiler, desto größer das Lustgefühl. Irgendwie kann ich das nicht glauben.

Geschafft! Wir sind wieder auf Meereshöhe im trockenen Bachbett, das gleichzeitig als Müllhalde dient. Es ist genau 15 Uhr. Also 5 1/2 Stunden. Nach weiteren 15 Minuten stehen für jeden ein kühles Efes und ein leckeres Börek bei Süleyman und Mahmut im Ortam vor uns auf dem Tisch.

Harrys Schlusswort: Das macht schon einen Riesenspaß, wenn da nicht das Gerutsche wäre. Da kann man schnell straucheln, einen Fuß verknacksen und liegen bleiben. Deshalb niemals alleine los gehen! Unbedingt Handy mit GPS-Funktion mitnehmen. Ansonsten wunderbar.

Hier unsere Route von Marnic auf Wikiloc aufgezeichnet: klick
Folge dem Routenverlauf mit dem Schieberegler auf dem Höhenbild sowohl routen- als auch höhenmäßig
Diaschau von der Route: klick

Diaschau von der Route: klick

weiter zum 2. Teil Hayitbükü nach Palamut: klick

Was braucht man für eine Wandertour auf dem Karischen Weg:
• Unbedingt gute Wanderstiefel, denn das Gelände ist teilweise sehr steinig
• Wanderstöcke
• Sonnenschutz (Hut, Sonnencreme)
• Leichte Regenjacke (bis Mitte Mai und ab Anfang Oktober kann es schon mal regnen)
• Badezeug (je nach Lust)
• 1,5 Liter Wasser pro Person (bei warmem Wetter mehr)
• Energiespender (Nüsse, Trockenfrüchte etc.)
• Handy (einzige Möglichkeit, bei Bedarf Unterstützung anzufordern, da kaum Menschen    unterwegs)
• Erste-Hilfe-Ausrüstung für Insektenstiche, Blasen, Schnittwunden, Kopfschmerz etc.
• Wegbeschreibung aus dem Wanderbuch (bisher gibt es noch keine deutsche Website bzw. Übersetzung    des Buches. Infos und Buchbestellungen sind möglich über www.cariantrail.com)
• Wenn man das Buch besitzt, kann man über die Website auch GPS-Daten herunterladen.