Der Insider




Traumküste - wie lange noch?
Was tut die Türkei, um ihre schönen Küsten zu erhalten?

Das hat Annette Annette Can gefragt, einen der bekanntesten türkischen Journalisten und langjährigen Umweltaktivisten. Während der Ära Özal war er maßgeblich beteiligt an der Vorbereitung eines Gesetzes, das jegliche Bebauung der Buchten im heutigen Stammgebiet der Blauen Reise, also der Golfe von Gökova, Hisarönü und Fethiye untersagt. Can ist Vorstandsmitglied von Turmepa (Turkish Marine Environment Protection Association), der türkeiweit grössten NGO, die sich der Erhaltung der Meere und Küsten der Türkei verschrieben hat.



Annette: Schwarzes Meer, Marmarameer, Mittelmeer - die Meere, die die Türkei umgeben, sind alle mehr oder weniger Binnenmeere, die anfälliger für Verschmutzung sind als offene Ozeane. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Can: Das Schwarze Meer ist auch ohne menschliches Zutun, allein wegen seiner natürlichen Gegebenheiten und des seit jeher sehr geringen Wasseraustausches weniger artenreich als die anderen Meere. Durch seine vielen Anrainerstaaten und die grossen Zuflüsse, die viele Industrieabwässer enthalten, ist es stark gefährdet. Das Marmarameer ist etwas günstiger dran, hat aber unter der starken Industrialisierung der Küstengebiete zu leiden. Ägäis und Mittelmeer sind zu grossen Teilen als sauber zu bezeichnen - zumindest steht die türkische Küste zusammen mit Griechenland im Vergleich zu anderen Mittelmeerländern viel besser da.

Annette: Bis auf Izmir in der Ägäis und Iskenderun am äussersten östlichen Mittelmeer gibt es ja auch kaum Industrie an diesen Küsten.

Can: Das stimmt zwar, aber es gibt auch andere Verschmutzungsfaktoren: die immer dichtere Besiedlung der Küste und deren touristische Nutzung hinterlassen deutliche Spuren. Es gibt Grenzen, wieviel Haushalts- und Bootsabwasser wir dem Meer zumuten können, ganz besonders in den stillen Buchten. Und bei den Gemeinden fehlt häufig das Geld, Kläranlagen zu bauen und die Abwässer gründlich reinigen zu lassen.

Annette: Welche Maßnahmen ergreift die Türkei, um Ägäis- und Mittelmeerküsten zu schützen?

Can: Zunächst einmal: die Türkei hat seit kurzem das europaweit strengste Umweltschutzgesetz. Darauf können wir wirklich stolz sein, aber es ist sehr schwer, alle Aspekte durchzusetzen. Dafür wäre viel mehr Personal, wären viel mehr technische Hilfsmittel notwendig. Wir sind schon froh, wenn wir mal einen Sünder erwischen, der im Hafen die Bilge oder den AbwassAnnettek leert.

Wichtiger als jede Kontrolle aber ist eindeutig die Ausbildung von Umweltbewusstsein. Und da hat die Türkei noch ziemlich viel Nachholbedarf. Aber auf diesem Gebiet gibt es vielleicht auch die eindrucksvollsten Entwicklungen.

Annette: Können Sie uns einige Beispiele nennen?

Can: Ich glaube, mit dem Erfolg, den eine Gruppe von Umweltschützern Ende der Achtziger hatte, denen es gelang, ein schon begonnenes Hotelprojekt am Strand von Dalyan zu stoppen, um Brutplätze der Wasserschildkröte Caretta Caretta zu retten, hat alles angefangen. Seitdem ist das Bewusstsein für die Zerstörbarkeit dessen, was bis dahin immer verfügbar und beliebig nutzbar schien, geschärft. Grosses Echo riefen auch die Müllsammelaktionen im Golf von Gökova hervor, die etwa im selben Zeitraum anfingen und auf spektakuläre Weise deutlich machten, dass selbst die unbewohnten Buchten in Müll ersticken würden, wenn alles so weiterliefe wie bisher. Damals war es noch Praxis, dass Kapitäne ihre Matrosen mit Müllsäcken an Land schickten, um diese dort hinter dem nächsten Busch oder Felsen zu verstecken. Ich glaube, so etwas ist inzwischen einfach "outÓ.

Viele Marinas rühmen sich inzwischen mit ihren Aktivitäten zur Umwelterziehung. Das sind zwar alles nur Tropfen, aber ein Meer besteht bekanntlich aus vielen Tropfen... Ich glaube jedenfalls fest daran, dass die junge Generation, die jetzt zur Schule geht, mit einem besseren Umweltbewusstsein gross wird. Erziehungsprojekte sind auch ein grosser Teil unserer Arbeit bei TURMEPA.

Annette: Können Sie uns etwas über diese Organisation sagen?

Can: Die Nichtregierungs-Organisation (NGO) TURMEPA wurde 1994 unter der Schirmherrschaft des Grossindustriellen Rahmi Koç gegründet. Dieser Hintergrund sichert eine gute finanzielle Ausstattung, aber auch die nötigen politischen und wirtschaftlichen Kontakte. So werden die meisten unserer Projekte von anderen grossen Firmen gesponsert, und die Unterstützung durch staatliche Stellen ist gut. Das ist sehr wichtig, denn mit staatlichen oder kommunalen Organisationen müssen wir ständig Hand in Hand arbeiten. Turmepa hat z.B. eine "Meeres-KehrmaschineÓ angeschafft, die im Marmarameer um Istanbul im Einsatz ist. Aber was sollen wir mit den "aufgekehrtenÓ Abfällen machen - die muss die Stadt entsorgen. Die Erfolge des Projektes "KehrmaschineÓ waren übrigens so überzeugend, dass die Stadt Istanbul selbst mehrere dieser Maschinen auf eigene Kosten angeschafft hat.

TURMEPA versucht in Zusammenarbeit mit Universitäten, die Entwicklung der Qualität von Wasser, Stränden und Buchten zu dokumentieren. Gesicherte Daten und Messungen über einen längeren Zeitraum sind die Voraussetzung für gezieltes Handeln.

Über unsere "Blaue Hotline", die Tag und Nacht besetzt ist, versuchen wir, konkret etwas gegen Umweltsünder zu tun. Jeder, der in seiner Umgebung Zeuge wird, dass Meer oder Küste verschmutzt werden, kann dies über 444 67 67 melden. Unsere Mitarbeiter setzen sich sofort mit den zuständigen Autoritäten in Verbindung.

Zur Zeit sind wir mit Fachleuten dabei, einen Masterplan für die gesamte Küste vorzubereiten. Darin sollte festgelegt werden, welche Gebiete für welchen Zweck genutzt werden. Fischfarmen haben in Gebieten, die für Tourismus bestimmt sind, nichts zu suchen und umgekehrt. Ein solcher Plan würde die Entwicklung sehr erleichtern man bräuchte manche Kämpfe nicht immer und immer wieder auszufechten.

Annette: Wie sehen Sie die Zukunft der Buchten zwischen Bodrum und Antalya, für deren Erhaltung bzw. Wiederherstellung im natürlichen Zustand Sie so viel getan haben?

Can: Zuallererst mal: ich bin unglaublich froh, dass man es geschafft hat, sie in dieser Form bis heute hinüberzuretten.  Aber wenn ich sehe, wie viele Seiten Druck auf die Regierung ausüben, diese Buchten für touristische Anlagen zu öffnen, wünschte ich mir manchmal, wir wären noch etwas hartnäckiger gewesen und hätten versucht diese Gebiete zu Nationalparks erklären lassen.

Das ist im Prinzip zwar immer noch möglich, und ich habe auch vor, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln dafür zu kämpfen, aber damals wäre alles einfacher gewesen.

Ich fürchte, es gibt noch nicht genug Menschen, die erkannt haben, was für ein grosser Reichtum dieser Landstrich in seiner Ursprünglichkeit ist. Ganz abgesehen davon, dass wir uns durch eine Bebauung der Buchten den Ast abschneiden würden, den wir selbst mühsam gezüchtet haben - die Blaue Reise nämlich - sind wir den Erhalt dieser Landschaft unseren Nachkommen und der ganzen Welt schuldig.

Annette: Was kann ein Besucher unserer Küsten tun, um zu ihrem Schutz beizutragen?

Can: Eine ganze Menge, denke ich. Schon allein die Tatsache, keine Spuren in Form von Zigarettenstummeln, Plastikflaschen etc. zu hinterlassen, ist ein grosser Beitrag. Ein nächster Schritt wäre es, andere Urlauber oder Bootspersonal, die sich nicht vorbildlich verhalten, zu ermahnen.

Die Blaue Hotline von TURMEPA ist auch für Sie da. Rufen Sie an oder ermuntern Sie einen Türken, es zu tun.

Vergeuden Sie nicht unnötig Trinkwasser. Wenn Sie mit dem eigenen oder gecharterten Boot unterwegs sind: halten Sie sich an die Vorschriften und leeren Sie Ihre Bilge oder AbwassAnnetteks nur auf dem offenen Meer (oder an den - leider noch nicht sehr zahlreichen - Absaugestationen). Entsorgen Sie Ihren Müll an den dafür vorgesehenen Stellen. Werfen Sie nichts ins Meer. Waschen Sie Ihr Schiff nicht mit scharfen Putzmitteln, vor allem nicht im Hafen. Alles Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, aber schlussendlich wird aus diesen "Tropfen" das saubere Meer entstehen.

Zur Webseite von Turmepa

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